Hören wie Haydn
"Bisher war es nicht möglich, Konzerte aus jener Epoche mit den Klangvorstellungen von damals zu hören. Moderne Flügelhörner sind zwar technisch besser, klingen aber anders als die Instrumente, für die die Komponisten einst ihre Partituren schrieben", erklärt Voigt. Dabei wachse in Fachkreisen das Interesse, bei Interpretationen von Komponisten des 19. Jahrhunderts die einzelnen Stimmen mit Originalinstrumenten zu besetzen. Dank der Arbeit von Jürgen Voigt kann zum Beispiel das Konzert für Trompete und Orchester Es-Dur heute wieder wie zu Joseph Haydns Zeiten erklingen.
Ohne die Unterstützung des Vereins ''Musicon Valley'' wäre dieses Projekt jedoch nicht möglich gewesen, glaubt Jürgen Voigt. Allein hätte er das Puzzlespiel, kaum bekannte Handwerkstechniken zu erforschen und anzuwenden, nicht finanzieren können. Hilfe kam von ''Musicon Valley'', einem Netzwerk, das Gelder aus dem InnoRegio-Programm flüssig macht. Damit fördert das Bundesforschungsministerium herausragende Wirtschaftsbündnisse in den neuen Bundesländern. Ziel ist es, regionale Kompetenzen mit Innovationspotenzial auf hohem technologischen Niveau zu entwickeln.
Vorbild San-Francisco-Bay
''Musicon Valley'' passt allein schon wegen des Namens ins Programm: Während das "Silicon Valley" im Süden der San-Francisco-Bay als weltweit führende Region für Halbleiter-, Computer- und Softwareunternehmen gilt, so möchte ''Musicon Valley'' den vogtländischen Instrumentenbauern helfen, im Konzert ihrer Mitbewerber wieder die erste Geige zu spielen.
Immerhin hatten die Instrumente aus der Gegend rund um Markneukirchen und Klingenthal, dem so genannten Musikwinkel, an der Schwelle zum 20. Jahrhundert einen Weltmarktanteil von 80 Prozent.
Zwischen 1893 und 1916 gab es in Markneukirchen, wo schon die Sprache der Einheimischen Fremden wie Musik in den Ohren klingt, sogar ein Generalkonsulat der USA. Bis heute ist Nordamerika einer der wichtigsten Absatzmärkte für Akkordeons und Mundharmonikas, für Streich-, Zupf- oder Blasinstrumente aus dem Musikwinkel. Auch deshalb wählten die Initiatoren von ''Musicon Valley'' um den Unternehmensberater Holger Weiss gerade diesen Namen.
Doch ''Musicon Valley'' stieß im Vogtland nicht nur auf offene Ohren. Nicht alle Kollegen waren von der Idee begeistert, erinnert sich auch Jürgen Voigt. Der Gewinner des Deutschen Musikinstrumentenpreises von 2001 sieht in der gezielten Förderung bestimmter Projekte jedoch Vorteile. So konnte er dem Klappenflügelhorn wieder eine Stimme verleihen. Denn im Gegensatz zu Naturtrompeten oder Barockposaunen finden sich zu den später gebauten Instrumenten kaum oder keine Dokumentation über deren Herstellungstechniken. Zwar gibt es in Sammlungen oder Privatbesitz einige Klappenflügelhörner, aber meist sind sie in schlechtem Zustand, kaum reparabel und nicht spielbar.
Die Recherche nach den alten Handwerkstechniken war denn auch der schwierigste Teil der Arbeit für Jürgen Voigt. Bearbeitungsspuren an alten Originalinstrumenten gaben erste Hinweise, weitere Quellen fanden sich im Internet oder durch Kontakte zu Museen, auf Messen und zu amerikanischen Musikern. Schließlich konnte mit dem Werkzeugbau begonnen und ein Prototyp hergestellt werden. Inzwischen gibt es je vier neue Klappenflügelhörner in zwei verschiedenen Ausführungen.
"Für meinen Betrieb ist das Klappenflügelhorn ein Aushängeschild, mit dem ich den Konkurrenten um einige Jahre zuvorgekommen bin", meint Jürgen Voigt, dessen Betrieb in einer langen Tradition steht. Bis 1756 lässt sich die Geschichte des Instrumentenbaus in verschiedenen Gewerken zurückverfolgen. Voigts Großvater war Bogenmacher, der Vater baute Holzblasinstrumente.
1984 absolvierte Jürgen Voigt die Meisterprüfung, aber erst vier Jahre später erhielt er in der DDR die Gewerbegenehmigung und konnte seinen eigenen Betrieb gründen. Nach der Wende stellte Voigt die ersten beiden Lehrlinge ein, darunter seine Tochter. Als 1995 das Wohnhaus für den mittlerweile Elf-Mann-Betrieb zu klein geworden war, entschloss sich Voigt zu einem Neubau im Gewerbegebiet.
Vielfalt gegen Marktlaunen
Heute stellen 15 Mitarbeiter und zwei Auszubildende bis auf die Tuba alle gängigen Blechblasinstrumente her. Aber auch Schalmeien und historische Metallblasinstrumente gehören zum Sortiment. "Mit unserer Vielfalt wollen wir den verschiedenen Strömungen und Launen des Marktes entgegenwirken. Leider sehen die Banken das nicht so gern", klagt Jürgen Voigt. Da kommen Förderprojekte, wie sie ''Musicon Valley'' koordiniert, gerade recht. Seit dem Jahr 2000 wurden für 56 Vorhaben rund 9,2 Millionen Euro akquiriert. "Etwa die gleiche Summe haben die Projektteilnehmer, darunter 32 Handwerksbetriebe, investiert", bilanziert Marketingleiter Frank Bilz. Das sichert Arbeitsplätze im Vogtland, wo rund 1200 Beschäftigte in 124 Musikinstrumentenbauwerkstätten ihre Brötchen verdienen. Noch einmal so viele Menschen finden bei Zulieferern eine Arbeit.
"InnoRegio hat die ökonomischen Selbstheilungskräfte in den Regionen geweckt", kommentierte der Deutschlandfunk die gezielte Förderung.
Branchenübergreifende Resonanz
Im ''Musicon Valley'' entstehen auch branchenübergreifende Kooperationen, "bei denen ein oft hemmender Wettbewerbskonflikt ausge- schlossen ist". Wenn Zupfinstrumentenbaumeister Steffen Meinel Beatles-Songs intonieren will, stellt der 32-Jährige seine Zither auf einen Tisch, der das Instrument akustisch unterstützen soll. "Materialien und Konstruktion verstärken die Töne, die über alle Frequenzbereiche gleichmäßig abgestrahlt werden", erklärt Meinel, der die Geschäftsführung der Horst Wünsche Zitherbau KG in Markneukirchen von seinem Großvater übernommen hat.
Gebaut wird der Zithertisch von Tischlermeister Jan Röhlig in Klingenthal, für den Handwerk und Hausmusik zusammengehören. Als passionierter Zitherspieler und -lehrer, zu dessen Schülern einst auch Steffen Meinel gehörte, weiß der Holzfachmann, worauf es bei einem Resonanzmöbel ankommt. Für Prüfungen im Labor stand außerdem das Institut für Musikinstrumentenbau im benachbarten Zwota zur Verfügung.
Während Projekte wie Zithertisch und Klappenflügelhorn bereits abgeschlossen sind, wird an anderen noch bis 2006, wenn das InnoRegio-Programm ausläuft, weitergearbeitet.
Jürgen Voigt hat nach seinen guten Erfahrungen sogar ein zweites Projekt in Angriff genommen. Er tüftelt an einer neuen Fügetechnik, denn das Blechtreiben ist eine körperlich schwere Arbeit und zudem sehr lärmintensiv. Doch darüber möchte der Metallblasinstrumentenbaumeister noch keine großen Töne spucken. Außerdem ist er nur eine von vielen Stimmen im Orchester von "Musicon Valley". |